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Presse · 16. Oktober 2026

Zweitausend Jahre an einer Linie

Wer wissen will, ob Wilhelm Müller seinen „Lindenbaum“ wirklich am Steintor gefunden hat, bekommt auf der neuen Website des Vereins für Heimatkunde keine Antwort, sondern zwei: beweisen lässt es sich nicht, widerlegen auch nicht. Dazwischen stehen vier Bildschirmseiten Belege. Diese Haltung ist das eigentlich Neue an dem Auftritt, der seit dieser Woche unter heimatkunde-bsa.de erreichbar ist. Auf 28 Seiten erzählt der Verein die Geschichte der Stadt, des Salzwerks und der Kurstadt – und hinter jeder Jahreszahl steht, woher sie stammt.

Mitteilung des Vereins für Heimatkunde e.V. Bad Sooden-Allendorf vom 16. Oktober 2026

Zwei Spuren: hier die Stadt, daneben die Welt

Das neue Herzstück ist eine Zeitleiste. Sie läuft von 1500 vor Christus bis in das Jahr 2026 und hat 141 Stationen, aber sie hat zwei Spuren. In der einen steht, was in Allendorf und Sooden geschah: 72 Einträge, von der Schenkung Karls des Großen an das Kloster Fulda im Jahr 779 bis zum Namenszusatz „Heilbad“. In der zweiten, von der ersten deutlich abgesetzt, stehen 69 Einträge zum größeren Zusammenhang – was zur selben Zeit anderswo mit dem Salz geschah, von den chinesischen Monopolen bis zu Gandhis Salzmarsch von 1930. Wer die Leiste durchfährt, sieht beides nebeneinander: dass die Stadt 1637 abbrannte, und dass sie damit kein Einzelfall war.

Jeder Eintrag trägt seinen Quellennachweis, und jeder trägt eine Kennzeichnung: belegt, überliefert, umstritten oder unsicher. Zehn Einträge sind als bloß überliefert markiert, neun als unsicher. Für einen Heimatverein ist das eine ungewöhnliche Offenheit – normalerweise liest man Ortsgeschichte als geschlossene Erzählung.

Der Pfarrer, der lieber Salz siedete

Eine eigene Seite gehört Johannes Rhenanus, um 1528 in Melsungen geboren, gestorben am 29. April 1589 in Sooden. Theologe von Beruf, ordiniert 1553 vom Reformator Hessens, ab 1555 Pfarrer in Allendorf – und daneben Salzgraf, also Leiter des Salzwerks. Zeitweise wollte die Kirchenleitung, dass er sich für eines der beiden Ämter entscheidet. Er nahm sich einen Kaplan für die Seelsorge und blieb beides bis zu seinem Tod.

1567 machte Landgraf Wilhelm IV. aus einer Anregung seines Vaters einen Befehl: Rhenanus solle aufschreiben, was er über das Salzwerk wusste. Die Begründung steht in einem Brief vom 24. Februar jenes Jahres und ist von bestürzender Nüchternheit – diejenigen, „die den Ursprung und alle Umstände des ganzen Salzhandels kannten“, seien „nunmehr fast alle gestorben“. Es dauerte fast zwanzig Jahre. Am Ende lagen rund 2.000 handgeschriebene Seiten vor: fünf Bücher, vier Anhänge und neun „Kunstrisse“, technische Zeichnungen von Maschinen. Das Werk, „New Saltzbuch“ betitelt und bald Salzbibel genannt, weil ein Pfarrer es schrieb, wurde nie gedruckt. Es liegt in der Universitätsbibliothek Kassel unter der Signatur 2° Ms. Hass. 186. Schon Wagner schrieb 1865, das Buch sei „nur von Wenigen gesehen“ worden.

Darin steht die älteste bekannte Beschreibung eines Gradierwerks. Rhenanus hatte die Anlage 1568 auf einer Reise in Sulza gesehen – damals hieß so etwas Leckwerk – und beschrieb, wie sie funktioniert. Erfunden hat er die Technik nicht, und in Allendorf wurde erst ab 1601 gradiert, zwölf Jahre nach seinem Tod. Aber vor ihm hatte niemand aufgeschrieben, wie es geht.

Der Fall Lindenbaum

Am Beginn der Rothesteinstraße stehen eine Linde, der Zimmersbrunnen und ein Torbogen; eine Bronzetafel behauptet, Wilhelm Müller sei hier zu seinem Gedicht angeregt worden. Die Website prüft diesen Satz und trennt dabei, was oft zusammengeworfen wird.

Was am Platz stand, lässt sich datieren. Das Gedicht – es heißt nicht „Am Brunnen vor dem Tore“, sondern „Der Lindenbaum“ – wurde 1823 gedruckt, als fünftes von zwölf Gedichten der „Winterreise“. Das Stadttor stand damals noch; abgebrochen wurde es 1828, der heutige Bogen ist von 1997 und deutet die Stelle nur an. Die alte Linde fiel am Abend des 12. Mai 1912 in einem Hagelunwetter; der heutige Baum wurde 1914 gepflanzt. Die Wasserleitung zum Brunnen ließ die Stadt 1827 verlegen, für 496 Thaler 2 Albus 4 Heller – vier Jahre nach dem Druck des Gedichts.

Und die Geschichte selbst? Sie ist jünger als alles andere. Fünf Tage nach dem Unwetter, am 17. Mai 1912, behauptete eine Kurzmeldung der „Fuldaer Zeitung“ wohl zum ersten Mal, diese Linde habe Müller inspiriert. Die „Vossische Zeitung“ nahm die Meldung auf, von dort wurde sie nachgedruckt bis nach Prag, Wien und Graz. Gesangvereine ließen sich Holzstücke vom Stamm schicken. Vor 1912 ist die Verbindung nirgends belegt, und die Wilhelm-Müller-Gesellschaft kennt für den Dichter weder einen Aufenthalt noch eine Durchreise hier.

Beweis dagegen ist das nicht. Der Ort lag am Verkehr, ein Durchkommen ist nicht ausgeschlossen – nur ist „nicht ausgeschlossen“, wie es auf der Seite heißt, keine Grundlage für eine Gedenktafel.

Wie die Stadt zu ihrem Namen kam

Auch hier korrigiert der Verein einen alten Irrtum, und zwar den eines eigenen Helden: Rhenanus leitete den Namen Allendorf 1586 vom Salzwort „hall“ her, die Stadt hieße eigentlich Hallendorf wie Hall in Schwaben. Das ist ausgeschlossen. Alle elf urkundlichen Belege zwischen 1218 und 1488 haben ein D in der Mitte – Aldendorf, Oldendorp, Aldindorf – und keiner ein H. Der Name ist eine erstarrte Ortsangabe: zu dem alten Dorfe. Bei Sooden hatte Rhenanus dagegen recht, und er machte es kurz: der Name „gibts ann sich selbst, das es vom Siedenn, Sodenn genennet wordenn“. Der jüngste Namensteil ist der einfachste: Um 1826 bemerkten Arbeiter, dass die warmen Solebäder gut tun, 1881 wurde daraus ein Heilbad.

Zwei Bücher, Seite für Seite zu lesen

Von der Vereinsseite führen Verweise zu salzbibel.de. Dort entsteht die Leseausgabe der Salzbibel: zu jeder Handschriftenseite der Wortlaut in der alten Schreibweise, daneben eine Übertragung in heutiges Deutsch, dazu eine Zusammenfassung und redaktionelle Anmerkungen. Zwischen alter und neuer Schreibweise kann man umschalten. Das erste Buch, die Blätter 22 bis 69, liegt vollständig übertragen vor; die Arbeit an den übrigen läuft.

Auf einer eigenen Seite dort steht außerdem Wagners Stadtgeschichte von 1865 zum Mitlesen: „Geschichte der Stadt Allendorf an der Werra und der Saline Sooden“, 171 Seiten, das erste Buch über diese Stadt und lange das einzige. Fast jede spätere Darstellung führt an irgendeiner Stelle auf Wagner zurück – weshalb es lohnt, ihn selbst zu lesen, statt ihn über Dritte zu zitieren.

Die Arbeit kam aus dem Verein

Gestaltung, Technik und die redaktionelle Überarbeitung aller Texte stammen von Martin Schülbe, Journalist und Webentwickler und Mitglied des Vereins für Heimatkunde. Er hat die Arbeit übernommen und dem Verein geschenkt; von ihm stammen auch Transkription, Übersetzung und Anmerkungen der Salzbibel-Ausgabe. Die Seiten kommen ohne Cookies, ohne Tracking und ohne externe Dienste aus und sind auf Barrierefreiheit geprüft. Alte Adressen der früheren Vereinsseite leiten auf die neuen Seiten weiter.

Der Verein für Heimatkunde Bad Sooden-Allendorf wurde 1974 gegründet, ein Jahr später eingetragen, und ist Träger des Salzmuseums im Söder Tor. Alle Ämter sind ehrenamtlich. Wer einen Fehler findet, ist ausdrücklich eingeladen, ihn zu melden: verein@heimatkunde-bsa.de.

Für Redaktionen. Dieser Text darf ganz oder in Teilen übernommen werden, gekürzt oder umgeschrieben, ohne Rückfrage. Er ist rund 7.350 Zeichen lang und von unten kürzbar: Die Abschnitte „Wie die Stadt zu ihrem Namen kam“ und „Die Arbeit kam aus dem Verein“ lassen sich streichen, ohne dass etwas fehlt. Alle Angaben sind auf den verlinkten Seiten mit Quellennachweis belegt.

Bildmaterial und Auskunft zu den Quellen auf Anfrage: presse@heimatkunde-bsa.de, Telefon 05652 2556.

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