Wagner 1865
Das erste Buch über diese Stadt — und bis heute das, aus dem fast alles andere stammt. Wer in Bad Sooden-Allendorf etwas nachschlägt, liest meistens Wagner, ohne es zu wissen. Deshalb lohnt es, das Buch selbst anzusehen: was drinsteht, woher es kommt, und wo man vorsichtig sein muss.
Was das Buch ist
1865 erschien in Marburg bei der Akademischen Buchdruckerei ein Band von 171 Seiten Text: Geschichte der Stadt Allendorf an der Werra und der Saline Sooden, verfasst von Dr. G. Wagner, mit einer Vignette — einer Lithographie der Westerburg aus der Anstalt von Ph. Stier in Marburg.1
Es war das erste Buch, das die Geschichte dieser Stadt im Zusammenhang erzählte, und es blieb lange das einzige. Das hat eine Folge, die man sich klarmachen muss: Fast jede spätere Darstellung — Ortschroniken, Festschriften, Denkmaltopographie, Wikipedia, auch die Seiten dieses Vereins — führt an irgendeiner Stelle auf Wagner zurück. Wer eine Angabe über Allendorf prüfen will, landet früher oder später bei ihm.
Der Volltext steht im Netz. Das Buch ist gemeinfrei — Wagner starb 1868, die Schutzfrist ist seit 1939 abgelaufen.8 Eine Leseausgabe Seite für Seite liegt auf salzbibel.de, die Seitenbilder beim Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München.9
Wer Johann Georg Wagner war
Das Titelblatt stellt ihn vor: vormals Landrichter bei den ehemaligen Landgerichten zu Schmalkalden und Marburg, Mitglied des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde und des Hennebergischen alterthumsforschenden Vereins in Meiningen, korrespondierendes Mitglied des historischen Vereins für das Großherzogthum Hessen.1 Ein Jurist also, kein Historiker von Beruf — und einer, der schon geübt war: 1849 hatte er eine Geschichte der Stadt und Herrschaft Schmalkalden veröffentlicht.2
Im Vorwort erklärt er, warum er sich für diese Stadt zuständig hielt, und die Aufzählung ist erstaunlich persönlich: Sein Vater bekleidete in Allendorf fünfzehn Jahre eine der höchsten geistlichen Stellen des Landes. Seine Mutter stammte aus einer Allendorfer Offiziersfamilie, seine Frau — „die liebevolle 46jährige Gefährtin meines Lebens" — aus einer Allendorfer Kaufmannsfamilie. Er selbst war dort fast elf Jahre Rechtsanwalt und Syndicus der Stadt und schreibt, er habe dort die glücklichsten Jahre seines Lebens verlebt.2
Den Anstoß gaben zwei Dinge: das freundliche Urteil über sein Schmalkalden-Buch, und 1857 die Geschichte der Stadt Eschwege seines Freundes Schmincke. Geschrieben hat er, wie er sagt, aus Notizen, die er über Jahre gesammelt hatte, ohne zunächst zu wissen, wozu.2
Was Wagner selbst über sein Buch sagt
Und hier steht der wichtigste Satz des ganzen Bandes — nicht in der Darstellung, sondern im Vorwort. Wagner schreibt, für ein solches Werk flössen die urkundlichen und sonstigen Quellen „so spärlich", dass er es nur aus „einzelnen dürftigen Bruchstücken" habe zusammensetzen können; die Arbeit übersteige seine Kräfte weit. Und weiter: Das Ganze hätte vor dem Beginn des Drucks „einer nochmaligen sorgfältigen Prüfung und ordnenden Ueberarbeitung" bedurft — die er unterlassen habe, um den Druck nicht erneut auf lange Zeit zu unterbrechen. Er bittet um Nachsicht „mit den sich vorfindenden mannigfachen Mängeln". Marburg, im Februar 1865.2
Das Standardwerk der Stadtgeschichte sagt über sich selbst, dass es unrevidiert in den Druck ging. Das ist kein Grund, es nicht zu benutzen — Wagner hat Akten gesehen, die heute teils verloren sind, und er ist für viele Angaben die älteste erreichbare Stimme. Aber es ist der Grund, warum „steht bei Wagner" und „ist belegt" nicht dasselbe sind. Wer diese Unterscheidung macht, benutzt das Buch so, wie sein Verfasser es sich gewünscht hätte.
Wie das Buch gebaut ist
Neunzehn Kapitel, römisch gezählt, dazu die Paragraphen, die bis heute das bequemste Zitiersystem sind. Der Textteil endet auf Seite 171.3
Dahinter steht noch etwas, das man leicht übersieht: ein Druckfehlerverzeichnis mit rund vierzig Posten, in dem Wagner selbst richtigstellt, was im Satz schiefgegangen ist — von „Landgrafschaft statt Landschaft" auf Seite 5 bis zu einer vollständigen Umnummerierung der Unterabschnitte des dreizehnten Kapitels, die der Text anders durchzählt als das Inhaltsverzeichnis.3
In unserer Arbeitsfassung ist dieses Verzeichnis aufgelöst, nicht angehängt. Jede Korrektur steht an ihrer Stelle im Text, mit einer Marke, die die alte Form nennt. Eine Liste am Ende liest niemand; ein korrigierter Text trägt die Korrektur dort, wo sie gebraucht wird. Zweiundzwanzig Posten ließen sich so eindeutig ausführen; die übrigen brauchen die Zeilenzählung des Seitenbildes und stehen offen.3
| Kap. | Gegenstand | Seiten |
|---|---|---|
| I | Topographische Skizze der Umgegend von Allendorf | 1–3 |
| II | Älteste Geschichte der Stadt Allendorf und der Sooden | 3–10 |
| III | Neuere Geschichte | 10–11 |
| IV | Spezielle Geschichte von Sooden — darin auf S. 14–19 die Salzbibel und Johannes Rhenanus | 12–41 |
| V | Das Salzwerk: Salzbrunnen, Gradierung, Siedung, Ertrag | 41–46 |
| VI | Der Bauernkrieg | 46 |
| VII | Die kirchlichen Reformen des Landgrafen Moriz | 48–51 |
| VIII | Ereignisse im Dreißigjährigen Krieg | 51–69 |
| IX | Die Zeiten des Siebenjährigen Kriegs | 69 |
| X | Bis zur französischen Zwischenregierung und deren Ende | 69–89 |
| XI | Rückkehr Allendorfs unter die hessische Regierung | 90–93 |
| XII | Hessen unter Wilhelm II. und Friedrich Wilhelm I. | 94–97 |
| XIII | Statistisches von Allendorf — Plätze und Straßen, Beamte, Zünfte, Grundbesitz, Brunnen und Bäche, Mühlen, Posten, Gerechtsame | 98–133 |
| XIV | Nachwehen aus den Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs | — |
| XV–XIX | Wehrhaftigkeit · Innere Verfassung · Wappen der Stadt · Kirchliches · Kulturgeschichtliches | bis 171 |
Das ergiebigste Kapitel ist für heutige Fragen das dreizehnte. Wagner zählt dort die Stadt durch, Straße für Straße, Amt für Amt, Brunnen für Brunnen — und genau diese Aufzählungen sind das, was man anderswo nicht findet.
Was man nur bei Wagner findet
Eine Auswahl von Stellen, die auf diesen Seiten gebraucht werden und für die er die älteste greifbare Quelle ist.
Die Stadt als Festung, § 113
Allendorf war „mit einer doppelten Mauer, sieben Thürmen, drei eisenbeschlagenen Thoren und einem Wassergraben befestigt". Die drei Tore — Söder- oder Brückentor, Steintor und Wahlhäuser Tor — waren „theils mit Gefängnissen, theils mit Wohnungen" überbaut. Fünf öffentliche Plätze zählt er, und einer heißt „der Plan": der Platz am Steintor. Dazu 501 Wohnhäuser und 383 Scheunen.4
Wann die Tore fielen, § 139
In einer Anmerkung, leicht zu übersehen, steht das genaue Abbruchdatum jedes Turms: 1828 der Torbau im Steintor nebst einer Hirtenwohnung, 1829 der Brückenturm, 1830 der Turm am Wahlhäuser Tor. Und 1829 wurde das Wachthaus an der ersten Werrabrücke abgebrochen und „in den neuen Lustanlagen am Klausberge wieder aufgebaut".5
Das Wasser der Stadt, §§ 145–151
Hier steht, wie Allendorf versorgt war: „fließendes Wasser fast durch alle Straßen". Die Leitung aus dem Altenhayn, die das Wasser „in Röhren ½ Stunde weit in die Brunnen der Stadt" führt, ist 1582 angelegt. Es gab fünfzehn öffentliche Brunnen, im Ort Zaitenstöcke genannt, aus den Stadtteichen gespeist; der am Markt ergoss sein Wasser „in einen geräumigen steinernen Kumpf". Und in § 149 der Satz, um den auf dieser Website ein ganzer Streit kreist: Der Zimmersbrunnen wurde 1827 „durch rühmliche Fürsorge der Stadt […], mit einem Kostenaufwand von 496 Thaler 2 Albus 4 Heller, in Röhren bis unter die Linde vor dem Steinthor geleitet".6
Die Gradierwerke, § 46
„Dreizehn Gradirhäuser von 6697½ laufenden Fuß" — also rund zwei Kilometer, gegen die gut 140 Meter von heute. Und die Erklärung des Wortes Leckwerk: Weil das Salzwasser früher mit langgestielten hölzernen Schaufeln von unten auf die Dornen gespritzt — „geleckt" — wurde. Die Gradierer hießen im Volksmund Pimper, von „Pumper".7
Die verschwundene Kirche, § 132
Die 1637 abgebrannte St.-Nicolai-Kirche, mitunter auch Johannis-Kirche genannt, lag in der oberen Stadt. Ihre Trümmer wurden zeitweise von der Garnison zum Exerzieren benutzt und 1823 ganz abgebrochen; an der Stelle entstand das neue Schulhaus, 1825 eingeweiht — bei 409 Schulkindern.7
Die Salzbibel, S. 14–19
Wagner kannte die Handschrift des Johannes Rhenanus und nennt sie „die berühmte sogenannte Salzbibel". Er beschreibt ihren Aufbau, zitiert das Titelblatt und erzählt das Leben ihres Verfassers. Damit ist er der älteste gedruckte Zeuge dafür, wie die Salzbibel im 19. Jahrhundert wahrgenommen wurde. Das Forschungsprojekt auf salzbibel.de hält den Text deshalb vollständig bereit und prüft Wagners Angaben an der Handschrift selbst.8
Wie man das Buch benutzt — und wie nicht
Wagner ist nicht für alles Primärquelle. Er berichtet teils aus Akten, die er vor sich hatte, teils aus Angaben Dritter — und er unterscheidet das nicht immer. Wo er ein Aktenstück wiedergibt, ist er so gut wie das Stück. Wo er eine Überlieferung weitergibt, ist er ein Zeuge des Jahres 1865, nicht des berichteten Ereignisses.
Der häufigste Fehler: „Wagner 1865" unter eine Angabe zu setzen, die gar nicht bei ihm steht. Ein Beispiel von dieser Website: Die verbreitete Aussage, nach dem Abbruch des Steintors 1828 seien zwei Steinpfeiler stehen geblieben, findet sich bei Wagner nicht — sie stammt aus späterer Literatur. Auch die Herleitung des Namens Zimmersbrunnen aus Zinnborn steht nicht bei ihm. Beides war auf unserer Lindenbaum-Seite falsch zugeordnet, bis wir das Original gelesen haben.
Fallen bei der maschinellen Texterkennung
Der Band ist in Fraktur gesetzt. Wer im erkannten Volltext sucht, muss die typischen Verlesungen kennen, sonst findet er nichts: z wird zu k oder s, R zu N, das lange ſ zu f. Im Volltext steht deshalb „Besiz" für Besitz, „Nhenanus" für Rhenanus, „Nath" für Rath. Ein Trost: Ortsnamen hat der Setzer in Antiqua gesetzt, mitten in die Fraktur hinein — die kommen zuverlässig durch.9
Zwei Lücken, die man kennen sollte
Die Volltext-Schnittstelle der Bayerischen Staatsbibliothek liefert zwei Stellen nicht richtig: Die Buchseiten 96 und 97 (§§ 110–111) fehlen — Scan 109 zeigt Seite 95, Scan 110 bereits Seite 98. Und die Scans 125/126 liefern denselben Text wie 123/124. Wer dort etwas sucht, muss die Seitenbilder ansehen.9
Umrechnung Scan ↔ Buchseite — mit einer Falle. Meist gilt: Scan-Nummer = Buchseite + 14; Buchseite 116 ist Scan 130. Durchgehend gilt das aber nicht. Für die Seiten 98 bis 113 beträgt der Versatz nur + 12, weil die beiden fehlenden Seiten den Zähler verschieben; ab Seite 116 sind es wieder + 14, weil die doppelten Scans ihn zurückholen. Wer mit der falschen Regel rechnet, schlägt zwei Seiten daneben auf — uns ist genau das beim Einarbeiten der Druckfehler passiert.9
Jede Angabe, die auf dieser Website mit „Wagner 1865" belegt ist, wurde am Seitenbild geprüft. Wo wir ihn nur über Dritte kennen, steht „zitiert nach" in der Fußnote.
Selbst nachlesen
- Volltextsalzbibel.de — Leseausgabe des gesamten Buches, Seite für Seite, gemeinfrei ↗
- SeitenbilderBayerische Staatsbibliothek München, bsb10021974 ↗
Nachweise
- ↑ Titelblatt der Ausgabe: Geschichte der Stadt Allendorf an der Werra und der Saline Sooden. Von Dr. G. Wagner, Marburg, Akademische Buchdruckerei, 1865, „Mit einer Vignette". Die Vignette trägt die Bezeichnung „Lith. Anst. v. Ph. Stier, Marburg — Die Westerburg bei Allendorf". Im Original eingesehen am Digitalisat (wie Anm. 9).
- ↑ Vorwort, unterzeichnet „Marburg im Februar 1865. Dr. G. Wagner". Daraus die Angaben zur Familie, zu den elf Jahren als Rechtsanwalt und Syndicus, zum Schmalkalden-Buch von 1849, zu Schminckes Geschichte der Stadt Eschwege von 1857 und die Selbsteinschätzung des Verfassers. Im Original eingesehen.
- ↑ Inhaltsverzeichnis der Ausgabe von 1865. Die Seitenangaben folgen ihm; für die Kapitel XIV bis XIX nennt das Verzeichnis keine Spannen. Das Druckfehlerverzeichnis steht auf Scan 186 des Digitalisats, hinter dem Textteil.
- ↑ Wagner 1865, § 113, S. 99 f.
- ↑ Wagner 1865, § 139 mit Anmerkung 1, S. 111.
- ↑ Wagner 1865, §§ 145–151, S. 116 f.
- ↑ Wagner 1865, § 46 (Gradierhäuser, Leckwerke, Pimper) und § 132 (St. Nicolai).
- ↑ Zur Salzbibel bei Wagner: S. 14–19. Lebensdaten des Verfassers (gestorben 1868) und die Einordnung als ältester gedruckter Zeuge nach dem Forschungsprojekt auf salzbibel.de. Abgerufen am 1. Oktober 2026.
- ↑ Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München, Signatur bsb10021974, 190 Scans, digitale-sammlungen.de. Umrechnung Scan = Buchseite + 14. Die beiden genannten Lücken und die Verlesungsmuster sind am Seitenbild überprüft. Abgerufen am 1. Oktober 2026.